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»Es ist normal,
verschieden zu sein«
(Richard von Weizäcker)


Geburtstagsfest des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg

Minister Lucha: Landesverband ist der Porsche der Bewegung und der Emanzipation

50 Jahre gemeinsam stark mit Behinderung

Stuttgart „Ich bin schön, wenn ich singe, denn da lacht mein Gesicht ...“ beschwingt, fröhlich und voller Lebensfreude eröffnete der Inklusionschor Löffingen mit seinem Lied das Geburtstagsfest des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg. Auf den Tag genau, vor 50 Jahren, trafen sich Eltern spastisch gelähmter und anderer körperbehinderter Kinder in Friedenweiler (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald), um den „Landesverband der Vereine zur Förderung und Betreuung spastisch gelähmter Kinder in Baden-Württemberg“ zu gründen. Längst sind die Kinder der Gründergeneration erwachsen, doch bis heute ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“ Leitbild des Verbandes. Rund 220 Gäste mit und ohne Behinderung aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Organisationen und Mitgliedsvereinen feierten am Samstag ein halbes Jahrhundert Selbsthilfe für Menschen mit Behinderungen im PORSCHE-Museum in Stuttgart. Die PORSCHE AG hat dies mit einer großzügigen Spende ermöglicht.


„Ich bin schön, wenn ich singe...“ Geburtstagsständchen des Inklusionschors Löffingen

Seyfarth: Appell für ein gutes Bundesteilhabegesetz

In seiner Begrüßung griff Thomas Seyfarth, Vorsitzender des Landesverbandes, auch die aktuellen Sorgen vieler Menschen mit Behinderungen und deren Familien im Blick auf den Entwurf eines Bundesteilhabegesetzes (BTHG) ein. „Auf den letzten Metern gewinnen die Betroffenen immer mehr den Eindruck, dass vor allem die Finanzierung der Teilhabeleistungen im Vordergrund steht. Die Betroffenen fürchten eine Einschränkung des Wunsch- und Wahlrechtes, den Zugang zu den Leistungen und auch nur für wenige Menschen mit Behinderungen eine Verbesserung beim „Recht auf Sparen“. Unterstützen Sie daher die sechs Kernforderungen der Verbände auf Landes- und Bundesebene, um ein Bundesteilhabegesetz auf den Weg zu bringen, das diesen Namen auch verdient hat!“


Im Gespräch: Manne Lucha MdL (Minister für Soziales und Integration), Uwe-Karsten Städter (Vorstand Beschaffung der PORSCHE AG), Jutta Hertneck (stellvertretende Landesvorsitzende), im Hintergrund: Thomas Seyfarth (Landesvorsitzender)

Städter: Menschen mit Behinderung eine Bereicherung für die Unternehmenskultur

„Menschen mit Behinderungen müssen in die vielfältige Arbeitswelt einbezogen werden. Den passenden Arbeitsplatz anbieten, das wird von Gesellschaft und Wirtschaft erwartet – zu Recht“, sagte Uwe-Karsten Städter, Vorstand Beschaffung der PORSCHE AG, in seinem Grußwort. „Menschen mit Behinderungen sind eine Bereicherung für die Unternehmenskultur.“ Er hieß die Geburtstagsgäste des Landesverbandes herzlich willkommen und gratulierte dem Verband, der in 50 Jahren viel für Menschen mit Behinderungen erreicht habe.


Aufmerksam verfolgen die Gäste die Rede von Minister Lucha.

Lucha: Landesverband ist der Porsche der Bewegung und der Emanzipation

Manne Lucha, Minister für Soziales und Integration, bezeichnete den Landesverband als „Porsche der Bewegung und der Emanzipation“ und gratulierte herzlich zum runden Geburtstag. „Die UN-Behindertenrechtskonvention ist eine Menschenrechts-Charta. Menschenrechte stehen nicht zur Disposition. Menschen mit Behinderungen sind selbstverständlicher Teil der Vielfalt unserer Gesellschaft.“ Lucha versprach, dass Baden-Württemberg dem Entwurf des Bundesteilhabegesetzes im Bundesrat zustimmen werde – wohl wissend, dass es sich um ein „Gesetz mit Nachbesserungsbedarf“ handle. Er sicherte zu, dass das Wunsch- und Wahlrecht nicht ausgehöhlt werde.


Barrierfrei Medley - gesungen von Mitgliedern des Stadtbehindertenrings STeiGLe aus Geislingen an der Steige

Kiel: Lob für vorbildlichen Einsatz für Familien mit behinderten Kindern

Helga Kiel, Vorsitzende des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (bvkm), bescheinigte dem Landesverband eine hohe Professionalität sowie einen vorbildlichen Einsatz für Familien mit behinderten Kindern. Beispielhaft nannte Kiel das Engagement für eine umfassende Barrierefreiheit. Mit Blick auf die Diskussion um das Bundesteilhabegesetz warnte sie davor, Menschen mit Behinderungen als Kostenfaktoren zu betrachten. Aber: „Kein Gesetz ist auch keine Lösung“. Kritisch äußerte sie sich zu Versuchen, das Lebensrecht behinderter Menschen durch den Ausbau pränataler Diagnostik in Frage zu stellen.


Zeitreise durch 50 Jahre Selbsthilfearbeit. LVKM-Geschäftsführerin Jutta Pagel-Steidl zitiert aus der Denkschrift aus dem Jahre 1967. Bereits damals forderte der Verband verlässliche Finanzierung der notwendigen Hilfen

Pagel-Steidl: Gemeinsam stark mit Behinderung – von der Ausgrenzung zur Inklusion

„50 Jahre Selbsthilfearbeit: schon viel erreicht – und noch viel mehr vor“ überschrieb Geschäftsführerin Jutta Pagel-Steidl ihre Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Selbsthilfearbeit. Noch in den 1960er Jahren galten Kinder mit schweren Behinderungen als unbeschulbar und wurden oft zuhause versteckt – eine Folge der Euthanasiegesetze während der Nazizeit. Die Familien mit einem behinderten Kind fühlten sich allein gelassen. Der Kaufmann Camill Fux aus Lahr-Reichenbach war der erste im Land, der sich mit den Problemen spastisch gelähmter Kinder öffentlich befasste. Als Vater einer 1949 geborenen körperlich behinderten Tochter erkannte er die Bedeutung eines Zusammenschlusses gleichgesinnter Eltern auf örtlicher, Landes- und Bundesebene. Gespickt mit vielen Beispielen aus dem Alltag zeigte Pagel-Steidl das Erreichte auf – vom Kampf um das Recht auf Bildung für alle, dem Aufbau eines differenzierten Sonderschulwesens bis hin zur Abschaffung der Sonderschulpflicht. Als „behindertes Kind der Gründergeneration“ beschrieb Pagel-Steidl den Wandel von der Ausgrenzung zur Inklusion. Sie schloss ihren Rückblick mit drei Wünschen für die Zukunft: „Respekt, umfassende Barrierefreiheit sowie verlässliche Finanzierung der Hilfen, die notwendig sind für eine gelingende Teilhabe.“


Zum Abschluss des offiziellen Festaktes tanzen die Rocken Roller des Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg aus Aalen

Hertneck: 50 Jahre Landesverband – ein inklusives Geburtstagsfest

„Selbsthilfe braucht Partner“. In ihrem Schlusswort dankte die stellvertretende Landesvorsitzende Jutta Hertneck allen, die den Landesverband durch die vergangenen fünf Jahrzehnte begleitet und unterstützt haben. Der 50. Geburtstag sei daher ein inklusives Fest, das auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit erlebbar mache.

Dass wichtige Anliegen nicht nur in Reden sondern auch musikalisch vorgetragen werden können, zeigte der Stadtbehindertenring STeiGLe aus Geislingen an der Steige unter der Leitung von Gisela Kohle. In ihrem Medley „Barrierefrei – wir sind dabei“ nahmen die Sängerinnen und Sänger die fehlende Barrierefreiheit des Geislinger Bahnhofs in den Blic – und stießen bei den Geburtstagsgästen auf offene Ohren. Kennen doch alle Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen solche Zugangsbarrieren nur allzu gut.

Die „Rocken Roller“ des Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg aus Aalen zeigten, wie Tänzer mit und ohne Rollstuhl elegant und mit ganz viel Lebensfreude gemeinsam den Saal rocken können. „Alle inklusive“ – dafür setzen sich der Landesverband und seine Mitgliedsorganisationen auf allen Ebenen ein.