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»Es ist normal,
verschieden zu sein«
(Richard von Weizäcker)

Alles barrierefrei, oder was?

Neue Fahrstühle an den Bahnsteigen – Treppenstufen in der Unterführung sorgen für Diskussion

Der Bahnhof Aalen ist stufenfrei zugänglich. Gefeiert wurde dies am Freitag mit der offiziellen Inbetriebnahme der neuen Aufzüge. Indes sorgt die Gestaltung der Unterführung für Diskussion.


OB Martin Gerlach (v.l.), Sven Hantel, Dieter Maier und Eckart Fricke von der Bahn und Bürgermeisterin Jutta Heim-Wenzler freuen sich über den stufenfreien Bahnhof.

Oberbürgermeister Martin Gerlach steht vor der versammelten Feiergemeinde. Er hebt an, um sich zu bedanken, bei der Bahn, den Bürgern, bei der Agendagruppe „Aalen barrierefrei“. Einzig: zu hören ist nichts. Ein einfahrender Zug schneidet dem Stadtoberhaupt das Wort ab. Als das letzte Quietschen der Bremsen verklungen ist, kommentiert er schlagfertig: „Wir wollen ja, dass möglichst viele Personenzüge durch Aalen fahren.“ Deshalb dürfe man sich jetzt auch nicht beklagen.


Im Untergeschoss ist derweil durch die neuen Stufen rechts im Bild ein Engpass entstanden, der Gefahrenpotenzial birgt. (Fotos: hag)

Durch drei neue Aufzüge können die Reisenden barrierefrei auf die Bahnsteige gelangen. Für die Modernisierung hat die Deutsche Bahn insgesamt 2,2 Millionen Euro locker gemacht. „Ein gewaltiges Investitionsprogramm“, findet Eckart Fricke, Konzernbevollmächtigter für Baden-Württemberg.

Mit dem barrierefreien Zugang sei ein „Meilenstein“ in der Entwicklung des Bahnhofes erreicht, betont Sven Hantel, zuständig für Personenbahnhöfe in Südwestdeutschland. „Fast 40 Prozent der Bevölkerung sind mobilitätseingeschränkt.“ Wobei in diese Statistik Rollstuhlfahrer ebenso mit einbezogen sind wie Menschen mit Kinderwagen und schweren Koffern. Von dieser Personengruppe seien leider nur mickrige sieben Prozent regelmäßige Fahrgäste der Bahn. Es liege also im Interesse des Unternehmens, hier Abhilfe zu schaffen.

Fast 500 Haltestationen im ganzen Land habe die Bahn schon auf Vordermann gebracht, von insgesamt 628. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass in der Festrede die Barrierefreiheit „des Bahnhofs Heilbronn“ gelobt wird. Die Anwesenden kommentieren es mit leisem Grummeln.

Martin Gerlach betonte, mit den Aufzügen sei das Ende der Modernisierung rund um den Bahnhof noch lange nicht erreicht: Das große Ziel, ihn wieder „in die Mitte der Stadt zur rücken“, werde weiterverfolgt. Das reiche über das bloße Gebäude hinaus und solle bis in die Bahnhofstraße ausstrahlen, die wie in vergangenen Tagen zum „Boulevard“ werden soll. Insgesamt investiere die Stadt „zwischen 2010 und 2014 rund 950 000 Euro“, so Gerlach.

Im Bahnhof selbst steht als nächstes die Erhöhung der Bahnsteige auf dem Programm, damit die Reisenden bequemer in die Züge einsteigen können. Der OB dankte der Agendagruppe. Sie habe sich „von einem Bemängeler zu einem Berater“ entwickelt, der aktiv an der Gestaltung der Stadt teilnehme.

Alles barrierefrei also? Nicht ganz, monieren SchwäPo-Leser und weisen auf eine Handvoll neu gebauter Stufen in der sanierten Unterführung unter dem Radparkhaus hin. Wenn Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer diesem Hindernis ausweichen, bleibt keine andere Möglichkeit als der Radweg, Ein Nadelöhr sei entstanden, monieren Kritiker: Radfahrer, Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer müssen sich an diesem Engpass spontan ein- und denselben Weg teilen. Im schlechtesten Fall kann es dort so eng zugehen, dass es zur Kollision kommt.

Martin Schmolke, Sprecher der Bahn in Baden-Württemberg beschwichtigt: „Das Gros der Reisenden kommt über den Haupteingang und die Empfangshalle zu den Gleisen“. Dabei seien keine Stufen zu überwinden. Auch Martin Sandel, kommissarischer Leiter beim Tiefbauamt, sieht die Sache nicht sonderlich dramatisch: „Die Treppe nimmt ja nicht den gesamten Gehweg ein.“

(David Wagner, Schwäbische Post)