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»Es ist normal,
verschieden zu sein«
(Richard von Weizäcker)

40 Jahre Körperbehindertenverein Ostwürttemberg

„Es ist ein dickes Brettle, das wir bohren“

Landesbehindertenbeauftragter Gerd Weimer blickt in die Gründungszeit des Körperbehindertenvereins zurück

„Sie steht für eine Trendwende, für ein Umdenken im Umgang mit Behinderten und Behinderung“ – so kommentiert Gerd Weimer, der Beauftragte der Landesregierung für die Belange behinderter Menschen die Gründung des „Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg“. 40 Jahre ist das nun her – ein Grund, zu feiern, findet nicht nur der derzeitige Vorsitzende Dieter Hebel, der dafür gleich zwei Termine nennen kann: einen Festakt am Abend des 12. Juni und ein Musik-, Tanz- und Rollstuhlballettfest am 28. Juni.

Gerd Weimer, der zum Festakt in den Ostalbkreis kommt und hier auch die integrative Kindertagesstätte Rosengarten in Aalen und die Konrad-Biesalski-Schule in Wört besucht, blickt zurück in die Gründungszeit des KBVO. „Das sei die Zeit der Elterninitiativen gewesen“, beschreibt er.

Weil die direkt Betroffenen damals erkannten, dass die Unterbringung in einer Kompletteinrichtung nicht für jedes Kind die richtige Lösung ist, hätten sich die Familien für gemeindenahe Lösungen stark gemacht. Es entstanden die Lebenshilfe-Vereine oder andere Initiativen, wie der Körperbehindertenverein Ostwürttemberg.

Diese „Prozesse der Dezentralisierung“ seien der erste Schritt gewesen auf dem Weg zur Inklusion, der aufgrund der historisch gewachsenen Strukturen in Deutschland ein besonders weiter Weg sei, findet Weimer. In der Vergangenheit sei es nämlich nicht nur üblich gewesen, dass behinderte Menschen in Betreuungseinrichtungen abgeschoben wurden. Es gab auch unterschiedlichste Sonderschulen. „Noch heute kennen wir neun verschiedene Arten und auch deshalb ist es ein dickes Brettle, das wir bohren“.

Nächster Schritt nach den (Eltern)Vereinsgründungen waren die Teilhabeplanungen, die in den Stadt- und Landkreisen erstellt wurden, um Wohnen, Arbeiten und Begegnung von Menschen mit und ohne Handicaps alltäglich werden zu lassen. „Es ist der Unterschied zwischen Integration und Inklusion, der wichtig ist“, betont Gerd Weimer. Integration fordere nämlich vom behinderten Menschen eine exorbitante Anpassungsleistung an die Welt der Nicht-Behinderten. Inklusion dagegen verändere Werte, Normen und Rahmenbedingungen, so dass es auch Menschen mit Handicaps leicht haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. „Inklusion ist damit etwas, das allen Menschen nützt“, unterstreicht er – „also auch den Müttern mit Kinderwägen oder den Älteren.“

Inklusion koste aber auch Geld – und zwar nicht zu wenig, räumt Weimer ein und weiß von Untersuchungen mit dem Ergebnis, dass die deutschen Kommunen bis 2030 insgesamt 53 Milliarden Euro investieren müssten, um ihren Bewohnern halbwegs Barrierefreiheit zu garantieren. Das beginne schon in den Schulen, von denen rund 80 Prozent schon baulich ungeeignet für die Teilhabe behinderter Kinder seien.

Dazu komme ein gewaltiger Umdenkungsprozess in Richtung individualisiertes Lernen. „Unsere Lehrer sind ausgebildet, eine homogene Gruppe zielgleich von A nach B zu bringen“, erklärt der gelernte Pädagoge. Notwendig sei aber ein individualisierter, zieldifferenter Unterricht, wenn eine Regelschule ohne Inklusionsverlierer auf beiden Seiten arbeiten wolle.

Dazu notwendig sei ein deutlich niedrigerer Klassenteiler und die Zusammenarbeit mehrerer Lehrkräfte. „Der Schlüssel, um all diese Ziele zu erreichen, liegt vor Ort – in der Kommune und im Sozialraum“, betont Gerd Weimer. Deshalb sei die Arbeit von Institutionen wie den Lebenshilfe-Vereinen oder dem Körperbehindertenverein Ostwürttemberg auch 40 Jahre nach ihrer Gründung unvermindert wichtig. „Vor Ort werden die Ideen zur Inklusion umgesetzt. Vor Ort brauchen wir eine engagierte Teilhabeplanung und starke Partner.“

Anke Schwörer-Haag, Schwäbische Post