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»Es ist normal,
verschieden zu sein«
(Richard von Weizäcker)

40 Jahre Körperbehindertenverein Ostwürttemberg

Mit Handicap über Hindernisse

Der Körperbehindertenverein Ostwürttemberg hat in den vergangenen 40 Jahren vieles bewegt

Gesellschaftliche Barrieren für Behinderte abbauen – darum bemüht sich der Körperbehindertenverein Ostwürttemberg (KBVO) seit 40 Jahren. Viel hat er in diesen Jahren initiiert und immer wieder den Denkprozess neu angestoßen. Das würdigte Landrat Klaus Pavel beim Festakt am Mittwoch und nannte den KBVO einen ganz wichtigen Partner des Ostalbkreises, der vielen Betroffenen und deren Angehörigen seit 40 Jahren verlässlichen Rückhalt gebe.


Der Chor Tiramisu der Klosterbergschule Schwäbisch Gmünd eröffnete den Festakt im großen Sitzungssaal des Landratsamtes. Links in der ersten Reihe v.l: Bernhard Richter, Landrat Klaus Pavel, Sozialdezernent Josef Rettenmaier und Oswald Tretter, stellvertretender Vorsitzender des Körperbehindertenvereins Ostwürttemberg. (Foto: opo)

Es war schon ein gutes Stück Pionierarbeit, an die sich Eltern von behinderten Kindern und Jugendlichen wagten, als sich einige von ihnen vor 40 Jahren zusammenschlossen mit dem Ziel, den Körperbehinderten im Ostalbkreis ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Bis heute ist er bestrebt, vor allem auch die Barrieren in den Köpfen der Menschen abzubauen. Und das beginnt bei der politischen Arbeit in den Städten und Gemeinden.

„Viele Veränderungen“, würdigte Landrat Klaus Pavel den KBVO, „hätte es ohne diese starke Interessenverbindung nicht gegeben.“ Als Beispiel nannte er die Gmünder Klosterbergschule in Trägerschaft des Ostalbkreises, die Intensivkooperation im Wasseralfinger Kindergarten „Rosengarten“ oder die Einrichtung von Außenklassen. „Und mit Ihrer Hilfe“, wandte sich Pavel an die Mitglieder des KBVO, „haben wir das Bewusstsein verändert bei vielen Arbeitgebern.“ Dass niemand im Ostalbkreis durchs soziale Netz fällt, müsse nach wie vor Auftrag der Kreisverwaltung sein.

Zuvor hatte der Vorsitzende des KBVO, Dieter Hebel, begrüßt und an die Anfangsjahre des Vereins erinnert. „Eine andere Welt war das damals. Menschen mit Behinderung lebten noch nicht mitten in unserer Gesellschaft.“ Seitdem habe sich viel verändert, auch im Ostalbkreis. Der Begriff der Integration sei mittlerweile überholt von der Inklusion. Hebel: „Das bedeutet, dass wir alles versuchen müssen, um geistig und körperlich Behinderte, um Rollstuhlfahrer an unserer schönen Heimat teilhaben zu lassen.“ So wolle der KBVO demnächst einen Rollstuhl vorstellen, den man ans Fahrrad andocken kann. Und auch in einem Konzert mit der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg im Juni nächsten Jahres wird die Inklusion eine Rolle spielen. Zwei Dirigenten – einer der beiden sitzt im Rollstuhl.

Wasser in den Wein goss an diesem Abend der Landesbehinderten-Beauftragte Gerd Weimer. Die ersten Schritte seien zwar gemacht, die Richtung stimme. Aber insgesamt stecke die Inklusion in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Immerhin aber zeichne sich eine Aufbruchstimmung ab, die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sei ein vielbeschworener Paradigmenwechsel in der Behindertendiskussion. Aber klar müsse auch sein, dass Inklusion nicht zum Nulltarif zu haben sei. „Wenn bis 2020 oder 2030 unsere öffentlichen Einrichtungen halbwegs barrierefrei funktionieren sollen, müssen unsere Kommunalpolitiker über 50 Milliarden Euro in die Hand nehmen“, meinte Weimer und rügte in diesem Zusammenhang das immer wieder zitierte Ausgabeproblem von Bund und Land. „Wir haben ein Einnahmeproblem“, behauptete Weimer stattdessen. „Wenn wir die Vermögenssteuer noch hätten, hätten wir im Land einige Probleme weniger.“

Immerhin habe die Landesstiftung einen eigenen Inklusionstopf eingerichtet mit einem siebenstelligen Betrag. Und auch der Bund mache Hoffnung: Nachdem er dem Fiskalpakt zugestimmt habe, müsse er sich an der Eingliederungshilfe der Länder beteiligen. „Allein für Baden-Württemberg wären das 400 Millionen Euro“, rechnete Weimer vor.

Ein Handlungsfeld sieht Weimer neben der nötigen Änderung des Schulgesetzes auch im Arbeitsmarkt. Denn mehr als die Hälfte der Betriebe in Baden-Württemberg kaufe sich lieber frei, als einen Menschen mit Handicap einzustellen. „Wenn das weiterhin nicht funktioniert, müssen wir an zwei Stellschrauben drehen: Entweder die Quote zur Beschäftigung von behinderten Menschen hoch setzen, oder die Ausgleichsabgabe verdoppeln und verdreifachen.“


von links: Landrat Klaus Pavel, 2. KBVO-Vors. Oswald Tretter, 1. Vors. Dieter Hebel


Landesbehinderten-Beauftragte Gerd Weimer


Der Chor Tiramisu der Klosterbergschule Schwäbisch Gmünd


Der Vorsitzende des KBVO Dieter Hebel

Ulrike Wilpert, Schwäbische Post