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»Es ist normal,
verschieden zu sein«
(Richard von Weizäcker)

Wie andere Dirigenten auch

Der behinderte Dirigent Benedikt Lika spricht über seine Arbeit, sein Leben und die Musik.

Vom Rollstuhl aus wird Benedikt Lika am Samstag, 28. Juni 2014, in der Aalener Stadthalle eines der Sommerkonzerte der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg dirigieren. Die Veranstaltung ist ein Kooperationsprojekt mit und für den Körperbehindertenverein Ostwürttemberg, der 2014 sein 40-jähriges Bestehen feiert. Dagmar Oltersdorf sprach mit dem Musiker.


Benedikt Lika hat Musikwissenschaft studiert und ab 2007 an den Wiener Meisterkursen „Dirigieren“ teilgenommen. Am 26. Juni wird er zusammen mit der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg in Aalen konzertieren. (Foto: privat)

Herr Lika, Sie haben ein Handicap und eine außergewöhnliche musikalische Begabung. Wann bemerkten Sie oder Ihre Eltern denn diese Begabung?

Benedikt Lika: Ich muss Sie enttäuschen. Weder habe ich ein schweres Schicksal, noch ein Handicap. Handicap gehört zu den Begrifflichkeiten, die ich ungern verwende, da sie im Englischen negativ besetzt sind. Ich habe eine Behinderung, mit der ich gelernt habe zu leben und die mich sicherlich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Mit all meinen Stärken und auch Schwächen. Ich stamme aus einem Künstlerhaushalt, in dem Musik schon immer zentral im Alltag ihren Platz hatte und mich besonders geprägt hat. Talent und Passion haben dann sicherlich zu einer gesteigerten Musikalität geführt. Einen genauen Zeitpunkt der Entdeckung dieser Musikalität kann ich von daher gar nicht benennen. Ich saß aber bereits mit zwei bis drei Jahren in der Matthäuspassion, bei der mein Vater Solist war und soll dort eifrig mitdirigiert haben. So erzählt man sich...


Szene aus der Probe der Fledermaus-Ouvertüre auf Schloss Kapfenburg. (Fotos: hag)

Ihr Lebenslauf liest sich sehr geradlinig? Ging denn alles so glatt?

Mein Lebenslauf verlief, zumindest in Kindheit und Jugend, geradlinig. Ich habe eine inklusive Schulbildung genossen, da gab es den Begriff und die Debatte darüber noch gar nicht. Man hat einfach gemacht und ich wurde von Freunden und Lehrern ohne großartige Diskussionen vollkommen gleichwertig in der Klassen- und Schulgemeinschaft akzeptiert. Nach dem Abitur und im Erwachsenenleben ist das dann schon etwas anders gewesen. Da bin ich an Bedenken gestoßen, da man anscheinend nicht mit einem „normalen“ Lebenslauf mit Behinderung in der Gesellschaft gedacht hat. Das Ganze hat mich aber nicht resignieren lassen, sondern mir den Weg in den politischen Bereich geebnet, bei dem ich feststellen konnte, dass ich a) nicht ein Einzelschicksal bin und b) auch etwas bewegen kann.


Dirigenten diskutieren: Renz und Lika.

Mussten Sie noch mehr leisten als ein Mensch ohne Behinderung, um dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind?

Ich denke, dass ich schon mehr leisten musste, da man meine Behinderung auf den ersten Blick sieht und man uns Menschen mit Einschränkung noch immer zu stark darüber definiert. Leider ist der Fokus in der Gesellschaft noch zu stark defizitär orientiert. Dabei habe ich in meinem Leben gelernt, dass es gar niemanden gibt, der ohne eine Einschränkung ist. Die Problematik liegt nur darin, dass man diese beim einen sofort sieht, beim anderen erst mit der Zeit merkt.

Könnten Sie Ihre Behinderung für unsere Leser genauer beschreiben?

Ich habe eine sogenannte Stoffwechselstörung, bei der ein Enzym fehlt, das für den Abbau sogenannter Mucopolysaccharidosen zuständig ist. Diese werden bei mir in den Gelenken und teilweise in den Organen gespeichert. Dies führt zu einem Kleinwuchs und dazu, dass ich im Alltag zusätzlichen Sauerstoff benötige und auf den Rollstuhl zur Mobilität angewiesen bin.

Was ist Ihre größte Kraftquelle?

Mein Glaube an Gott. Im Glauben habe ich vor allem gelernt: Stelle nie die Frage nach dem Warum. Denn diese Fragestellung ist depressiv in ihrer Ausrichtung. Frage nach dem Wozu, diese Fragestellung ist horizontal, nach einem Ziel. Alles im Leben hat einen Sinn, auch wenn dieser auf den ersten Blick nicht immer verständlich ist.


„Ich bin selbstverständlich in Diskos gegangen.“ Benedikt Lika


Wie dirigieren Sie ein Orchester?

Zunächst einmal wie jeder andere Dirigent auch. Mit Hilfe eines Taktstockes und der international anerkannten Zeichen. Manches gelingt non verbal mit den Musikern, weil Musik eine internationale Sprache ist, die emotional und ohne große Worte funktioniert. Manche Dinge spricht man zum Beginn einer Probe an und manches entwickelt sich auch automatisch im gemeinsamen Musizieren. Jede Aufführung eines Werkes ist eine Schöpfung der Idee des Komponisten im Augenblick. Ich denke, das macht den Zauber einer Liveaufführung und den Genuss eines Konzertes aus.

Wer zählt zu Ihren Lieblingskomponisten?

Den oder die Lieblingskomponisten gibt es so nicht. Jeder Komponist und jedes Werk hat seine Berechtigung. Nichts desto trotz habe ich eine starke Passion für Mozart, Bach, Beethoven und Mendelssohn, da sie mich in meinem Leben am meisten geprägt haben. Dass wir mit der Jungen Philharmonie Strauß und Humperdinck spielen, ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass wir einen inklusiven Ansatz mit der Rollstuhltanzgruppe verfolgen und dass ich die Humperdinck-Nummern vor zwei Jahren bei meinem eigenen Konzertfestival „Roll and Walk“mit den beiden hinreißenden Solistinnen Cathrin Lange und Stephanie Hampl aufgeführt habe und diese das Publikum begeistert haben.

Mögen Sie auch Rock und Pop?

Zu Rock- und Popmusik habe ich keine große Beziehung, da sie mich bei weitem nicht so berührt und begeistert, wie die klassische Musik. Ich bin selbstverständlich in meiner Jugend in die Diskos gegangen, nicht nur, weil ich dabei Freunde kostenlos mit hineinnehmen konnte und nette Abende und Nächte verbringen konnte. Aber sie ist nicht mein täglicher Begleiter, wie die Klassik.

Wie bereiten Sie sich auf das Konzert mit der JPO vor?

Zum einen frische ich die Humperdinckwerke wieder auf, zum anderen entdecke ich den Johann Strauß ganz neu. Ich arbeite in der Partitur, höre mir immer wieder verschiedene Aufnahmen und Interpretationen an und versuche das, was mir dabei am besten gefällt, herauszudestillieren.

Auf was freuen Sie sich am meisten in diesem Zusammenhang?

Am meisten freue ich mich, die beiden Werke mit den jungen, begabten Musikern und Musikerinnen „neu“ kennenzulernen. Jedes Projekt und jede Probe sind ein neues Abenteuer, bei dem man nie zu hundert Prozent sagen kann, in welche Richtung sich ein Werk entwickelt und manche Nuance erkennt man erst im Laufe der Proben.

Dagmar Oltersdorf, Schwäbische Post